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  • Meinem Vaterland, der Republik Polen, treu sein

     

  • NACHRICHTEN

  • 9 Oktober 2018

    Der polnische Konsul Konstanty Rokicki rettete gemeinsam mit seinen Mitstreitern der sog. „Berner Gruppe“ in den Jahren 1942/43 über 800 Juden in den Niederlanden, Polen, Deutschland, Österreich, Frankreich, der Slowakei und anderen europäischen Ländern das Leben. Mindestens 20 von ihnen leben noch heute. Am 9. Oktober 2018 wurde auf dem Friedhof von Luzern (Schweiz) Rokickis neues Grabmal eingeweiht. An der Zeremonie nahmen auch der polnische Staatspräsident Andrzej Duda sowie mehrere Dutzend Überlebende mit ihren Familien sowie Nachkommen ihrer Retter teil.

     

     

    Der 1958 weitgehend in Vergessenheit verstorbene Konsul der Republik Polen in Bern Konstanty Rokicki hatte im Zweiten Weltkrieg eigenhändig über 1.000 paraguayische Reisepässe gefälscht. Mit ihrer Hilfe konnten über 800 europäische Juden vor dem Tod gerettet werden, zu welchem sie massenhaft durch die deutsche Entscheidung über die „endgültige Lösung der Judenfrage“ verurteilt worden waren. Rokicki hatte für Schmiergelder Blanco-Pässe gekauft, die daraufhin auf Namen ausgestellt wurden, die von jüdischen Organisationen nach Bern geschickt worden waren, die Kontakte zu Widerstandsbewegungen in Ghettos unterhielten.

     

    Rokicki handelte mit Wissen und Zustimmung seiner Vorgesetzten – des Botschafters der Republik Polen in der Schweiz Aleksander Ładoś und seines Stellvertreters Stefan Ryniewicz. Die beiden gaben der Aktion diplomatischen Schutz und überzeugten die Regierung der neutralen Schweiz davon, das illegale Vorgehen nicht zu behindern. Weitere Mitstreiter waren Juliusz Kuehl, ein nicht ganz 30-jähriger Doktor der Ökonomie jüdischer Abstammung, der Kontakt zu jüdischen Organisationen hielt, und jeweils ein Vertreter des Jüdischen Weltkongresses – Dr. Abraham Silberschein – und der religiösen 2 Bewegung „Agudat Jisrael“: Rabbi Chaim Yisroel Eiss. Sie schmuggelten die Dokumente in die Ghettos.

     

    Die Besitzer der Reisepässe konnten sich damit als Ausländer ausgeben – auf diese Weise konnten sie sich den Transporten in die Vernichtungslager entziehen. Stattdessen kamen sie in Lager und Nebenlager für Internierte. Auf dieser Weise überlebten viele von ihnen den Krieg – auch deshalb, weil durch die Intervention der polnischen Exilregierung in London sowohl Paraguay als auch einige andere lateinamerikanische Staaten die von Rokicki ausgestellten Reisepässe vorübergehend anerkannten.

     

    Die Geschichte der Gruppe um Rokicki war viele Jahre lang weitgehend unbekannt geblieben. Genauere Details brachten erst Veröffentlichungen der letzten Jahre ans Licht, die u. a. auf lange geheim gehaltene Dokumente der Schweizer Polizei zurückgriffen. Aus ihnen geht hervor, dass die Schweizer Regierung vermutet hatte, dass die paraguayischen Pässe aus den Händen des polnischen Konsuls stammten. Diese Vermutungen bestätigte eine Notiz von Rokicki selbst, die Ende 2017 von der Polnischen Botschaft in Bern entdeckt wurde. Die Handschrift dort entspricht der auf den erhaltenen Reisepässen.

     

    Erste Untersuchungen (durchgeführt vom Pilecki-Institut mit Unterstützung des Jüdischen Historischen Instituts, des Instituts für Nationales Gedenken und des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau) zur sog. Ładoś-Liste, auf der sich alle Namen derjenigen Personen befanden, für die Reisepässe ausgestellt wurden, ergaben, dass sich unter den bisher identifizierten Geretteten Vorkriegs-Bürger der Niederlande, Polens, Deutschlands, Österreichs, Frankreichs, der Slowakei und einiger weiterer Staaten befanden. Mindestens 20 von ihnen leben noch.

     

    Auf der Liste stehen u. a. der Oberrabbiner der Niederlande, eine Freundin Anne Franks und einige Professoren israelischer Universitäten. Paraguayische Reisepässe besaßen auch die Anführer des Ghettoaufstands in Będzin (Bendzin) sowie der jüdischen Widerstandsbewegung in der Slowakei und viele spätere Autor(inn)en von Memoiren. Mindestens ein Geretteter fiel viele Jahre später im Palästinakrieg. Auf einem der Dokumente aus Paraguay steht ein Dr. Leon 3 Rothfeld mit seiner Familie – zu ihr gehörte auch der spätere Außenminister der Republik Polen Adam Rotfeld.

     

    Die Zeremonie auf dem Friedhof von Luzern begann am 9. Oktober 2018 um 14:00 Uhr. Der Präsident der Republik Polen legte einen Kranz auf dem wiederhergestellten Grabmal Rokickis nieder. Den Helfer ehrten auch von ihm Gerettete mit ihren Familien sowie Nachkommen ihrer Retter, ebenso wie Vertreter des Außenministeriums der Republik Polen, des diplomatischen Korps, Schweizer Juden und Auslandspolen.

     

    Übersetzung: Rainer Mende

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